Nikolai Makarov - Maler der Stille und Kontemplation

Text von Jürgen Schilling

Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verzog die Familie des 1952 in Moskau geborenen Nikolai Makarov nach Ost-Berlin, die Hauptstadt der damaligen DDR. Dort nahm er ein Studium der Geschichte an der Humboldt-Universität auf. Daran schloss sich eine mehrjährige Ausbildung an der Akademie der Künste der DDR an, die Makarov, welcher sich bereits in seiner russischen Heimat autodidaktisch geschult und künstlerisch betätigt hatte, 1987 abschloss.

In jene Jahre fällt sein - vom österreichischen Maler Rudolf Hausner bestärkter - Entschluss, anstelle der bis dahin von ihm favorisierten Ölfarben solche auf Acrylbasis zu verwenden, die ihm - mit Wasser verdünnt - ermöglichen, jene subtilen, sich zu einer glatten Farbhaut fügenden Lasuren übereinander zu legen, die seine Gemälde so eindringlich und unverwechselbar machen. Bereits Arbeiten aus seiner Studienzeit verschafften ihm Aufmerksamkeit; später sollten Museums- und Galerieausstellungen sein originäres Schaffen welt­weit bekanntmachen.

Makarov lebt ganz auf sein Schaffen konzentriert in Berlin. Nikolai Makarov ist primär ein innovativer figurativer Maler und qualifizierter Kenner der Kunst der europäischen Alten Meister. Allerdings vermag er seine auf realen Begebenheiten oder flüchtigen Impressionen basierenden Bildideen zu seinen Menschenbildern, tief empfundenen Landschaften und Bauwerken zunehmend ins Trans­zendente zu transformieren, indem er seine Motive in ein diffuses - vorwiegend auf diversen transparent erscheinenden Rot-, Blau- und dunklen Brauntönen basierendes - Kolorit einbettet und nur wenige markante Bildpartien aufhellt.

Derart reduziert er seine Motive auf den Anschein ihrer Existenz. Dieses Vorgehen beeinträchtigt bewusst den unmittelbaren, klaren Blick auf das Bildmotiv, jedoch animiert es zum ins Detail gehenden Hinsehen, zum Eintreten in eine von Makarov subjektiv interpretierte Welt. Im Grunde strebt der Maler eine Veranschaulichung des Nicht-Materiellen, Kosmischen an und verklärt, ohne den realen Ursprung seiner Aussage zu negieren, Gesehenes ins Imaginative. Ihm gelingt es, die ihm eigene Spiritualität in die Darstellung einfließen zu lassen und die Vorstellungskraft des Rezipienten dahin gehend zu sensibilisieren, dass dieser alltägliche Turbulenzen, akustischen und optischen Lärm hinter sich lässt und in eine singuläre Ruhe, Stille und Harmonie suggerierende Bild­ Atmosphäre eintaucht.

Durch konzentrierte Wahrnehmung und Versenkung in das Geschaute verschmelzen gewonnene Erfahrung und eine kontemplative Introspektion, welche innere visionäre Bilder, Assoziationen und Phantasien zu evozieren vermögen. Die meditativ­ melancholische Grundstimmung seiner eindrucksvollen Gemälde und raumgreifenden Installationen verdankt sich zum einen der nuancierten Maltechnik Makarovs; darüber hinaus offenbart sich hier das Seelenleben einer zutiefst empfindsamen Künstlerpersönlich­keit, welche die Entwicklungen seiner Umwelt mit Skepsis reflektiert und aus seiner Sicht praktikable Lösungen vorschlägt, weil man die Menschen „zum Nachdenken bringen muss, ihnen jene Gegensätz­lichkeit vor Augen führen, die alles Sein ausmacht und die eigentlich immer mein Ausgangspunkt war und ist; die Doppelheit von Leben und Tod, von Licht und Nacht.“

Dieses Ideal mag ein Grund für die Gründung seines >Museums der Stille< am Rande des brodelnden Zentrums Berlins gewesen zu sein, wo er eigene Werke mit Raumarchitekturen bedeutender Architekten in Verbindung setzt, deren Thema die Präsentation seiner Werke als Räume der Stille zum Ziel hat und in welchem tatsächlich die Zeit zum Stillstand zu kommen scheint.


Jürgen Schilling